14. September 2017
„Der Patient ist eine Profitgröße geworden“

„Der Patient ist eine Profitgröße geworden“

Die Gesundheit geht baden

 

Michael Fleischmann

 

Auf Einladung der linken Bundestagsabgeordneten Jutta Krellmann und Diether Dehm hat der Kardiologe Dr. Eberhard Neumann vor rund 80, oft sachkundigen Zuhörer/innen aus dem Gesundheitswesen am vergangenen Sonntag in Bad Pyrmont über die Auswirkungen der privatisierten Krankenhäuser berichtet. Ein weiterer Themenschwerpunkt der Veranstaltung war die Situation der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Als Kenner des Gesundheitswesens arbeitete der 75-Jährige in verschiedenen Kliniken und betreibt heute eine Praxis in Berlin.

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In seiner Einführung forderte Diether Dehm nicht nur mehr Staatsgeld für die Gesundheit, das aus dem Rüstungsetat kommen solle. Als Doktor der Heilpädagogik sprach er sich vehement für Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich aus, damit die Menschen mehr Zeit für sich haben. Wer mehr Glück und Gesundheit haben wolle, müsse auch seinen eigenen Zeitablauf schreiben und über seine Zeit mitbestimmen können, betonte er. „Die Menschen müssen mehr ausschlafen können.“ Dehm beklagte jedes Jahr rund 40.000 Tote durch muliresistente Keime in Deutschland. Werde man als Deutscher in den Niederlanden in eine Klinik eingeliefert, komme man erstmal unter Quarantäne, wusste er zu berichten.

 

Steigende Kosten trotz schlechterer Versorgung

 

In den meisten Privatkliniken seien die Fachärzte für Hygiene, Reinigungskräfte, Pflege- und Küchenkräfte und viele Krankenschwestern entlassen worden, kritisierte Eberhard Neumann den Personalmangel in den Kliniken und machte die Bundespolitik dafür verantwortlich. Diese habe die ehemals kommunalen Krankenhäuser finanziell ausbluten lassen, sodass die stets klammen Kommunen zum Verkauf ihrer Kliniken gezwungen wurden. Er kritisierte in diesem Zusammenhang personelle Verflechtungen zwischen Krankenhauskonzernen und der Bundespolitik. So sei der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach Chef der SPD-Gesundheitskommission und zugleich Aktionär der Rhön-Klinikum AG. Die Folgen der Privatisierungen seien nicht nur mehr Arbeitshetze für die verbliebenen Beschäftigten und eine schlechtere Versorgung der Patient(inn)en, sagte Eberhard Neumann. Auch die Gesundheitskosten seien gestiegen, weil sich die Aktionäre einen Teil des Geldes einsteckten, das für die Krankenhäuser bestimmt sei. Er forderte deshalb, den Kliniken nur zweckgebunden mehr Geld zu geben: etwa für mehr Krankenschwestern, mehr Pflegepersonal und geschulte Reinigungskräfte.

 

Mehr Todesfälle durch mangelnde Hygiene, …

 

Früher gab es im Krankenhaus nicht nur einen Hygienearzt, den sich heute nur noch wenige Großkliniken leisten, sondern auf jeder Station auch eine Reinigungskraft, die speziell in Krankenhaushygiene geschult war. Heute reinigen auswärtige Kräfte, die sich damit nicht auskennen. Die Bettmatratzen werden laut Neumann nicht mehr desinfiziert. Ist ein Patient gestorben, sei noch der Todesschweiß mit den Krankheitskeimen in den Matratzen. Dann komme nur ein Laken für den nächsten Patienten darüber, kritisierte er. Müsse in Deutschland eine Krankenschwester auf der Intensivstation circa 20 bis 23 Patient(inn)en versorgen, seien es in Norwegen nur maximal fünf Patient(inn)en. Wegen der Arbeitshetze bleibt für die Krankenschwestern keine Zeit, die Hygienevorschriften einzuhalten und sich vor jedem neuen Patienten zu desinfizieren. All das führe zur Ausbreitung von Krankheitskeimen, gegen die kein Antibiotikum mehr helfe, so Neumann. Immer mehr Todesfälle durch Krankenhausinfektionen seien zu beklagen.

 

… pauschalierte Bezahlung und …

 

Braucht ein Patient etwa mehrere Gefäßstützen infolge verengter Herzkranzgefäße, muss er sich diese Stents einzeln im Zwei-Wochen-Rhythmus anstatt bei einer einzigen Behandlung im Krankenhaus einsetzen lassen. Denn nach 14 Tagen greife das neue Budget für den Patienten, und der Klinikbetreiber kassiere für jede neue Einweisung des Patienten 5.000 Euro, erläuterte Eberhard Neumann die Gründe dafür. Braucht ein Patient vier Stents, verstreichen so zwei Monate, bis die Behandlung abgeschlossen ist. Das ergebe ein hochgerechnetes Sterberisiko von zwölf Prozent, was in Kauf genommen werde, so Neumann. Beträgt die Liegezeit mehr als 14 Tage, werden die Patient(inn)en entlassen und in die Kurzzeitpflege geschickt – egal, ob sie noch krank sind oder nicht, weil dann das Budget für die Patientin oder den Patienten aufgebraucht ist. „Ich will dagegen den medizinischen Fortschritt für alle Patienten haben und das Risiko für Komplikationen verringern. Ansonsten werden wir als Patientinnen und Patienten beschissen“, sagte der engagierte Facharzt und erntete tosenden Applaus.

 

Er kritisierte die Pauschalen pro Quartal und Patient für die niedergelassenen Ärzte als viel zu gering. Hauärzte erhalten für drei Monate pro Patient eine Pauschale zwischen 25 und 28 Euro. Fachärzte bekommen 56 bis 58 Euro, obwohl schon eine einzige Untersuchung viel teurer sein kann. „Wenn ich beispielsweise wie früher Belastungs-EKG, Echokardiografie, Lungenfunktionsuntersuchung und Langzeit-EKG auf einmal machen würde, dann würde ich das heute nicht mehr bezahlt bekommen“, erläuterte der Kardiologe. Ein Facharzt könne einen Patienten deshalb nur einmal in drei Monaten untersuchen. Für bestimmte Untersuchungen müssten die Patient(inn)en monatelang warten. Die hohen Miet- und Personalkosten versuchten die Ärzte aufzufangen, indem sie mehr Patient(inn)en behandeln. „Nicht wenige mussten ihre Praxis aufgeben“, berichtete Neumann.

 

Von der wirtschaftlichen Situation der niedergelassenen Ärzte profitieren die Medizinischen Versorgungszentren. Sie haben regen Zulauf und gehören in städtischen Gebieten meist Krankenhauskonzernen. „Diese konzerneigenen Polykliniken haben die Aufgabe, die Patienten ins Krankenhaus zu schicken, um so die Verdienstquote der Kliniken zu erhöhen“, meinte Neumann wieder mit Blick auf die 5.000 Euro, die für die Einweisung eines Patienten winken. „Der Patient ist eine Profitgröße geworden“, sagte er und konkretisierte auf den Einwand eines Zuhörers: „Auf dem Land werden die Medizinischen Versorgungszentren in der Regel von mehreren Ärzt(inn)en aus verschiedenen Fachrichtungen betrieben und sind dort ein wichtiger Anlaufpunkt, um überhaupt eine ärztliche Versorgung sicherzustellen.“

 

… unnötige Operationen

 

Im Krankenhaus angekommen, durchlaufen die Patient(inn)en oftmals nicht erforderliche apparateintensive Maximaluntersuchungen, damit die Klinikbetreiber maximalen Profit einstecken können. Auch werde im Krankenhaus zu viel operiert, weil das mehr Geld bringe, sagte Neumann. Das gelte vor allem für kleine Bewegungsstörungen am Knie oder an der Hüfte. Nicht selten habe das Personal kaum Erfahrung auf diesem Gebiet, was zusätzliche Todesfälle zur Folge habe, mahnte er. Er bezog sich bei dieser Aussage auf eine einschlägige Studie. Auf die Frage eines Zuhörers, ob man sich vor diesem Hintergrund beim Hausarzt und im Krankenhaus überhaupt noch sicher fühlen könne, riet Neumann, im Zweifel eine zweite Meinung eines anderen Arztes einzuholen.

 

Auch die einflussreiche Pharmaindustrie war in der Veranstaltung am Rande ein Thema. Um die Kostenexplosion im Pharmabereich in den Griff zu bekommen, forderte Diether Dehm, die Pharmakonzerne zu vergesellschaften. Bisher können die Unternehmen für neue Medikamente zum Teil astronomisch hohe Entwicklungskosten geltend machen und auf die Pillen umlegen. Eberhard Neumann berichtete von Medikamenten, die pro Patient mit bis zu 20.000 Euro zu Buche schlagen. In diesem Zusammenhang bekamen auch die Krankenkassen ihr Fett weg. Sie sorgten dafür, dass der medizinische Fortschritt nicht uneingeschränkt allen Patient(inn)en zur Verfügung steht, sagte Neumann. Er berichtete von modernen blutverdünnenden Mitteln, die sicherer in der Wirkung sind und vor allem nicht mehr das Risiko einer spontanen Blutung in sich tragen. Trotzdem weigerten sich die Kassen, diese Mittel zu bezahlen, weil die alten viel preisgünstiger seien.

 

 

 

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